Dienstag, 6. November 2012

//Oh Boy!//

Was wir in Berlin sehr gerne machen: Filme über Berlin schauen. Man muss sich ja schließlich angelegentlich darin bestätigen, dass man aus gutem Grund in dieser "niemals endenden Überforderung" lebt, in der das Leben die meiste Zeit an einem vorbeirauscht, ohne das man es wirklich greifen kann. 

Aber oh my, ist das ein wundervoller Film, dieser "Oh Boy", der seit vergangener Woche in den Kinos läuft - und den ich am Wochenende endlich schauen durfte, nachdem ich am Tag davor mit großen Augen vor dem ausverkauften Kinosaal stehen bleiben musste. 

Es geht um Niko, ungefähr mein Alter, der in dieser großen, kräfteraubenden Stadt irgendwie den Boden unter den Füßen verloren hat: Vor zwei Jahren hat er sein Jura-Studium abgebrochen und lebt seitdem in den Tag hinein, auf der Suche nach gutem Kaffee, zwischen Kisten in seiner Prenzlberger Altbauwohnung sitzend und mit melancholischem Blick auf die Hochbahntrasse schauend. 

"Was zum Teufel hast du die letzten beiden Jahre gemacht", fragt ihn sein Vater entrüstet, der das mit dem Studium herausgefunden und ihm das Konto gesperrt hat. "Ich hab nachgedacht. Über mich". Damit kann man ja auch viel Zeit verbringen: Wo will ich eigentlich hin, wo soll das alles hinführen, was möchte ich vom Leben? Quarterlife crisis könnte man das vielleicht nennen. 

Es soll kein Berlin-Film sein, hatte ich im Vorfeld irgendwo aufgeschnappt, aber natürlich ist er genau das: Ein klassischer Berlin-Film, mit nörgelnden Kontrollettis in Zivil, schwäbelnden Café-Besitzerinnen und überteuertem "Coffee to go", konsequent englisch sprechenden Bedienungen, Selbstfindungs-Performances und frustrierten Schauspielern. Klar, das mag es auch in anderen Städten geben, aber doch durchweht diesen Film ein gewisser Hauch, der sich eben nur zwischen Landwehrkanal, Ku'Damm und Mauerpark finden lässt. 

Es sind aber vor allem die Bilder - komplett in schwarz-weiß gehalten - die entzücken:  Wenn die Kamera auf zart kringelnden Rauch neben einer Zuckerdose ruht, während vor dem Fenster des Cafés die U2 vorbeirauscht, dann erinnert das unweigerlich an die Filme der Nouvelle Vague. Fährt Niko in der Nacht mit dem Auto über den Alexanderplatz, auf dem der Fernsehturm wie ein dickes, leuchtendes Ausrufezeichen thront - dann schlägt mein Herz höher.

Oh Boy, was für ein schöner Film.

Kommentare:

michèle hat gesagt…

toller tip, danke! ich weiß genau was du meinst & wenn dieser film es einfangen kann, muss er echt gut sein...

liebe grüße sendet dir michèle

stiller hat gesagt…

Steht auch auf meiner Liste. Dachte erst so, hm, Tom Schilling, eigentlich gar nicht so mein Ding - aber der Trailer ist ziemlich bezaubernd.