Sonntag, 10. Juni 2012

// Kunstgenuss in Kassel //





Der Tanz war sehr frenetisch, rege, rasselnd, klingelnd, rollend, verdreht und dauerte eine lange Zeit 

„Häh?!“ dachten wohl die meisten, als die Kuratorin der dOCUMENTA (13) obiges Zitat im vergangenen Jahr als Thema der Ausstellung bekannt gab. Auch wenn es zugunsten der Verständlichkeit mittlerweile geändert wurde, möchte ich nach meinem Besuch in Kassel fast freudestrahlend ausrufen: „Ja! Es stimmt!“ Diese dOCUMENTA ist ein einziger klingender und frenetischer Tanz durch die verschiedenen Disziplinen – und zwar nicht nur der Kunst, sondern auch aller anderen, von Zoologie über Quantenphysik über Sprachwissenschaft über Literaturgeschichte über Finanzpolitik bis hin zur Züchtung von außergewöhnlichen Apfelsorten. Es ist ein Fest für all diese verschwurbelten Synapsen in unseren Hinterköpfen, die sonst nur selten benutzt werden! 

Während ich dies schreibe, sitze ich im menschenleeren ICE von Kassel zurück nach Berlin und versuche mit aller Hartnäckigkeit, die visuellen Eindrücke der letzten zwei Tage in meinem Kopf zu sortieren und zu einem verständlichen Ganzen zu formen. Was hat mich am stärksten beeindruckt? War es die aberwitzige, da nicht greifbare Installation von Ryan Gander in der Eingangshalle des Fridericianums, die schlicht aus einem Luftzug besteht (so als hätte jemand vergessen, die großen Flügelfenster zu schließen) und die ich auf eine offenbar schlechte Isolation des Museums geschoben hätte, wäre sie nicht durch ein Schild gekennzeichnet gewesen? 

War es die fast 30 Meter lange Skulptur aus Schattenspielfiguren, die Geoffrey Farmer aus fünf Jahrzehnten umspannenden Ausgaben des Life Magazins angefertigt hat? Oder das Video-Schattenspiel der Inderin Nalini Malani, die auf rotierenden Zylindern mythische Figuren und Gottheiten gemalt hat, welche zu teilweise sphärischen Klängen in changierenden Farben angestrahlt werden? Vielleicht die Audio-Installation von Susan Philipsz, bei der auf dem recht verlassenen Hauptbahnhof im Halbstundentakt aus 24 Lautsprechern klassische Musik ertönt – und die mit der märchenhaften Hügelkulisse Hessens, dem Sonnenschein und dem Vogelgezwitscher perfekt zusammenpasste? 

Zum Glück zwingt mich niemand, mich auf eine künstlerische Arbeit als Favorit festzulegen. So darf sich die allgemeine Zufriedenheit und das Gefühl endlich mal wieder richtig gute Kunst gesehen zu haben gerne auf das Gesamtkonzept dOCUMENTA (13) beziehen. Ihr wisst also: Solltet ihr euch für Kunst interessieren sowie Zeit und Möglichkeit haben, selbst nach Kassel zu fahren – tut es! Ihr werdet es nicht bereuen. Versprochen.

Kommentare:

Theresa hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Sibylle hat gesagt…

Freue mich auch schon und bin gespannt. Wir haben uns feste vorgenommen in der 1. Ferienwoche nach Kassel zu fahren. Freue mich auch schon auf die ganzen Ausseninstalltionen. Danke für deinen Post.LG Sibylle