Mittwoch, 18. August 2010

schmökerstunde.


Barcelona

Für gewöhnlich wandern, wenn ich "nur mal kurz Bücher schauen gehe" im Umsonstladen auf der Prenzlberger Kastanienallee, Klassiker von Fontane, Goethe oder meinem Liebling Siegfried Lenz in den hier obligatorischen Jutebeutel. Denn an brauchbarer moderner Fiktion mangelt es in den dunklen Kellerräumen zumeist - es sei denn, man ist schnell. So ging mir vor kurzem der wahrhaft dicke Schmöker Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón ins Netz. "Nehme ich mit in den Kurzurlaub", dachte ich, konnte dann aber doch nicht die Pfoten davon lassen. Und las mich sofort fest.

Die rund 600 Seiten Taschenbuch drehen sich um den jungen Jungen Daniel Sempere, der - noch ein kleiner Naseweiß - von seinem Vater in den geheimnisvollen Friedhof der vergessenen Bücher mitgenommen wird. Nur besondere Personen (Davids Vater ist passionierter Buchhändler) wissen von diesem mystischen und irgendwie verzauberten Ort, und nur besondere Personen dürfen davon erfahren. Wie es der Brauch will, darf sich Daniel eines der Bücher aussuchen - oder nein, eher wird er von einem Buch gefunden. Es ist Der Schatten des Windes von einem gewissen Juliàn Carax. Daniel, obwohl noch klein, liest sich fest an dem Buch, wie ich mich an dem gleich betitelten Meta-Roman festgesogen habe.

Angefixt vom Schreibstil und der wundervollen Wunderwelt des Autors, macht sich der Buchhändlersohn auf die Suche, weitere Werke des Dichters aufzutreiben. Doch vergeblich: Seit Jahren geht das Gerücht um in Barcelona, ein mysteriöser und vermummter Mann verbrenne alle Exemplare der Bücher Carax'. Daniel jedoch gibt nicht nach, kann auch gar nicht nachgeben, denn eine ungeahnte Kraft bindet ihn an den Schriftsteller, die ihn förmlich zwingt, dessen tragische Lebensgeschichte ans Licht zu bringen. Das er sich dabei gelegentlich um Kopf und Kragen redet und sein Leben riskiert, gehört dazu. Und dann wären da noch die ersten Verliebtheitsgefühle, die in den wirren Jahren der Pubertät nunmal nicht ausbleiben und die Sache selbstredend nicht einfacher machen...

Kennt ihr das Gefühl, wenn man die letzte Seite eines Buches, mit welchem man die Freude hatte, die letzten Tage und Nächte zu verbringen, umblättert - und sich krampfhaft wünscht, die Charaktere möchte noch ein wenig zum Kaffee bleiben? Noch Stunden, nachdem ich das Buch beendet hatte, habe ich den Drang verspürt, zurückzutauchen in die Welt des Barcelona in den 1950er Jahren, in dem auch Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges noch grausame Foltermethoden an der Tagesordnung sind und die charmanten Protagonisten sich immer stärker verstricken in eine Welt aus Geheimnissen und Lügen. Ich habe jede einzelne Seite genossen und jedes Wort dieses Buches aufgesogen - muss ich noch mehr sagen?!

Kommentare:

Ninia LaGrande hat gesagt…

ach, nach deinem eintrag kribbelt es jetzt noch mehr in meinen fingern, mir das buch endlich zu kaufen!

Juliane hat gesagt…

Mir ging es mit dem Buch ganz genau so wie Dir! Hat eine magische Atmosphäre erzeugt. ICh wünschte, ich könnte es noch mal zum 1. Mal lesen...

Den Nachfolger oder eigentlich Vorgänger (chronologisch gesehen) "Spiel des Engels" fand ich auch ganz gut, aber "Schatten des Windes" war besser.

Viele Grüße und schöner Tag noch,
Juliane

Fräulein Julia hat gesagt…

Juliane, ich habe gestern entdeckt, dass es ein zweites Buch gibt - allerdings hat es nicht so gute Kritiken bekommen, lohnt es sich denn?

FeeMail hat gesagt…

Ich habe Der Schatten des Windes auch erst neulich gelesen und fand es entgegen meiner Erwarten wirklich gut! Das Spiel des Engels steht schon in meinem Regal, aber gelesen habe ich es noch nicht!

lalatika hat gesagt…

na da bin ich mal gespannt. habe mich bisher dagegen irgendwie gesperrt - das wort "bestseller" hat mich wohl abgeschreckt... werde nach deiner überzeugenden kritik aber das nächste mal nicht nein sagen wenn ich es angeboten bekomme :)
wobei, dann muss ich mir wohl schon mal ein mindestens ebensogutes buch suchen - ich finde es nämlich auch furchtbar schrecklich wenn man nach einem so fesselnden buch in der luft hängt.

Fräulein Julia hat gesagt…

lalatika, jaa, das ist wirklich ärgerlich, oder? Ich bin jetzt total auf Entzug irgendwie :)