Montag, 18. März 2013

//Bibliophiles Horroszenario//

Ich bin kein Freund von Thrillern oder Krimis in Buchform. Das liegt vor allem daran, dass ich alleine wohne und ich mir angesichts von detailliert beschriebenen Mordszenen wohl vor Angst in die Hose machen würde. Es ist daher eine Premiere, dass ich den Roman Die Scanner von Robert M. Sonntag gelesen habe, den mir der S. Fischer Verlag geschickt hat. 

Ein Thriller, der in einer nicht allzu fernen Zeit (2035) in einer Welt spielt, in der ein Unternehmen namens Ultranetz die Macht übernommen hat und dafür sorgt, dass alle gedruckten Bücher gescannt und anschließend vernichtet werden? Das stinkt gewaltigt nach einer nachgemachten Mischung aus Fahrenheit 451, 1983 und Schöne neue Welt, dachte ich zunächst. Und dann kam die Gänsehaut. Denn was der Autor hier auf knapp 200 Seiten zum Leben erweckt, ist eine Dystopie feinster Sorte, die - leider - so nah an unserer derzeitigen Realität liegt, dass es mir kalt den Rücken runterlief. "Buchagenten" durchstreifen die namenlose Stadt nach Menschen, die noch Bücher besitzen, um diese zum Verkauf zu zwingen: "Alles Wissen für Alle! Jederzeit! Kostenlos!" lautet das Motto von Ultranetz, doch das Ziel ist nicht die vollständige Digitalisierung und kostenlose Verfügbarkeit von Wissensinhalten, sondern die totale Kontrolle über die Nachrichten und die Gedanken der Menschen. 

Dabei haben diese sowieso bereits die Waffen gestreckt und sich der totalen Überwachung unterworfen: Mittels einer virtuellen "Mobril"-Brille (Google Glass, anyone?!) ist man rund um die Uhr mit seinen Kontakten vernetzt, kann sich Filme und Nachrichten vor die Augen projizieren lassen und das Ticket für den Metro-Gleiter mit einem Wimpernschlag bezahlen. Persönliche Kontakte sind auf ein Minimum reduziert, echte Lebensmittel Mangelware - 2035 isst man täglich die gleiche Pampe, die mit verschiedenen Aroma-Zusätzen an Käse, Wurst oder Schokolade erinnern soll. 

Mittendrin lebt Rob (das Buch ist mit einem Augenzwinkern als Autobiographie aus der Zukunft deklariert), der als Buchagent arbeitet und dennoch - ganz tief in seinem Inneren - einen Draht zur "alten Welt" hat. Was wohl auch der Grund ist, weshalb er in die Kreise der geheimnisvollen "Büchergilde" gerät, einer bibliophilen Widerstandsgruppe, die aus dem Untergrund gegen die Eliminierung von Büchern kämpft...

Manchmal wirkt die Geschichte arg konstruiert, vor allem dann, wenn der Autor sich in Nebensätzen über Nebensächlichkeiten ausbreitet, die zur besonderen Illustrierung der unheimlichen Verhältnisse beitragen sollen. Und dennoch zeigt sie die Hauptfigur mit jedem Wort als hoffnungslos naiv, als jemanden, der die Bevormundung durch eine zweifelhafte Obrigkeit (ein international agierendes Unternehmen) akzeptiert, ohne auch nur einen kritischen Gedanken daran zu verschwenden. Bis es ihm irgendwann zuviel wird - und daran sind nicht zuletzt die echten sozialen Kontakte in der Büchergilde "schuld". 

Und die Moral von der Geschicht? Die werdet ihr euch schon selbst formulieren...

Robert M. Sonntag. Die Scanner. S. Fischer Verlag, 2013. 10,99 Euro. (Auch als - natürlich! - E-Book erhältlich)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Baby, ich zieh zu Dir! Musst nur ein Wort sagen ...

Annemarie hat gesagt…

Hi, das hört sich phantastisch an. Ich habs mir gleich mal runtergeladen (ja, digital ;-)) Danke für den Tipp! Lg, Annemarie