Sonntag, 21. März 2010

Schweinerei.



Ich bin erstaunt, wieviele Menschen in den letzten beiden Tagen über das Suchwort "Silberschweinpreis" auf meine Seite gelangt sind - und hier lediglich die Ankündigung für diese Veranstaltung, nicht aber einen Nachbericht fanden. Deshalb jetzt eine kleine Zusammenfassung meines Freitagabends, der mit Lesung, Elektroparty und Apfeltasche-auf-dem-Nachhauseweg-im-Morgengrauen von mir das Prädikat "sehr schön" angehängt bekommt.
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"Ach, ich weiß jetzt gar nicht, was genau ich lesen soll", nuschelt Helene Hegemann und versteckt sich hinter ihrem aschblonden Haarvorhang. Das hättest du dir vielleicht mal früher überlegen sollen, Liebchen, wir sind hier schließlich bei einem Lesewettbewerb für Nachwuchsautoren, denke ich - überrascht es dich da, dass du aus deinem Roman lesen sollst? Letztendlich entscheidet sie sich für eine ziemlich unverfängliche Textstelle aus "Axolotl Roadkill", es kommen nur ein wenig Fäkalien und Kotze darin vor, nicht aber wildes Rumgevögele auf der Disco-Toilette oder schleimige Drogenexzesse. Dafür liest die 18-jährige Dame derart schnell, als hielte ihr jemand insgeheim eine Pistole in den Nacken - das macht keine Spaß.

Richtig über den Roman möchte sie auch nicht diskutieren, "Ich bin doch eigentlich ganz langweilig, ich will nicht immer mit der Hauptfigur gleichgesetzt werden." Der Einwand ist natürlich verständlich, Hegemann weiß aber auch, dass es irgendwie nur menschlich ist, den Autor mit dem Protagonisten gleichzusetzen. Ein bisschen tut sie einem Leid, die kleine Dame, die wie so viele dem modischen Irrglauben verfallen ist, Leggins zu Pullover (also ohne Hose) wären ernsthaft tragbar. Sie ist unsicher und versteckt dies hinter kryptischen Sätzen wie "das Skript meines Lebens" etc., also völlig normales präpubertäres Tagebuchgeschwafel. Naja. Letztendlich macht sie nur den dritten Platz, da hilft es auch nicht, dass ihre Mitgereisten Freunde ihr in einer Hommage den ganz besonderen "Helene-Stil" attestieren - was sowieso sehr ironisch klingt angesichts der ganzen Plagiatsvorwürfe und den Feuilletondebatten und und und...

Die beiden anderen Preis-Anwärter gestalten sich da schon eindeutig angenehmer. Leif Randt, der immernoch so verschlossen-schüchtern zu sein scheint, wie ich ihn in Erinnerung habe, liest lebhaft kreuz und quer in seinem "Leuchtspielhaus" herum, vielleicht etwas zu verwirrend für Nicht-Kenner des Buches. Man merkt ihm an, dass es ihm in vieler Hinsicht nur um die Sprache geht, das Entwickeln fremder Lebenswelten, die eigentlich gar nicht fremd sind. Er ist verträumt und das Interpretieren liegt ihm nicht: "Hmm, ich hab keine Ahnung", antwortet er häufig auf die nachbohrenden Fragen des Moderators.

Publikumsliebling(in) und auch Gewinnerin des Abends wurdn dann aber Ulrike Almut Sandig, eine junge Dame, die ich bis dato noch nicht kannte, die mich mit ihrer wundervoll lebendigen Art, ihre Kurzgeschichten vorzutragen, jedoch sofort verzauberte - ihr erstes Prosa-Werk "Flamingos" (vorher schrieb sie nur Gedichte) steht nun ganz oben auf meiner "Muss-ich-haben"-Bücherliste. So weit ich das beurteilen kann schreibt Sandig märchenhafte und ruhige Geschichten, sie spielt mit den Themen Erinnerung und mag es, wenn ihre Erzählungen "ins Unwahrscheinliche kippen." Sie hatte das große silberne Schwein, dotiert mit 1.111 Euro, auf jeden Fall verdient.

1 Kommentar:

fabe hat gesagt…

Ulrike Almut Sandig ist großartig und verdiente Silberschwein-Preisträgerin! Da kann ich dir auch ein Radiointerview empfehlen, dass sie kürzlich gegeben hat: http://tubuk.com/book/flamingos#panel_reviews

Grüße

fabe