Donnerstag, 9. April 2009

Goethes "Faust" im Schleudergang


Am Eigelstein is Musik, am Eigelstein is Tanz - und der Raketenclub, der ist auch dort. In diesem charmant-schäbigem Hinterhoftheater durfte ich gestern - auf ausrangierten roten U-Bahn-Sitzen der Linie 5 - der Premiere von "Faust 1.0" teilwohnen, welche die extrem verrückten Herren der Germaniagroup inszeniert hatten. Auch nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, bin ich noch nicht zu einem befriedigenden Ergebnis gekommen, ob ich das Stück nun für sehenswert oder total bekloppt finde. Als Germanistin ist dieses Goethe'sche Werk für mich nämlich heiliges Gebiet, da kann man sehr schnell daneben liegen. Hmmpfgrummel.

Natürlich habe ich von Anfang an keine klassische Inszenierung erwartet - eher eine moderne, spartanische und gesellschaftskritische Umsetzung. Bingo. Matthias van den Berg gibt den Faust als lebensmüden, von der Welt angeekelten dicklichen Popliteraten, gekleidet in Ski-Unterwäsche, Streifenbademantel und dicker Hornbrille. "Raus aus dem Intellektualismus! Raus aus dem Kontext! Alles scheiße!!" schreit dieser, und trinkt verzweifelt ein "Todesbier". Hilft natürlich alles nix - Mephisto, leicht tuntig angehaucht durch Andreas Schneiders, ist sofort zur Stelle und zwingt den verzweifelten "Frust-Faust" zum neverending Pakt mit dem Teufel.

Von da an fällt das Stück auch etwas aus dem Kontext, die Struktur der Tragödie geht verloren. Gretchen - ebenfalls durch Schneiders verkörpert samt blonder Lockenperücke und verschmiertem Lippenstift - wird zum vordergründig lammfrommen Lustobjekt des Schwerenöters Faust degradiert, plappert von ihrer Abtreibung und erbittet sich von Marthe Ratschläge gegen Pickelchen in der Bikinizone nach dem Rasieren. "Ich sehne mich nach einem Leben mit Kindern, einfühlsamen Mann - Brigitte-Abo!". Letztendlich ist es dieses naive Geschöpf, welches den feisten Faust mit ihrem ewigen Genöle "Sag schon - wie hast du's mit der Religion?!" in den Wahnsinn treibt.

Eben in der Redaktionsrunde um eine kurze Meinung bezüglich des Stückes gebeten, konnte ich zunächst nur antworten: "Ich weiß es noch nicht. Meine Meinung entwickelt sich wohl erst beim Schreiben." Und nun kann ich sagen: Gut gespielte, kritische Auseinandersetzung mit einem germanistischen Klassiker, über dessen Aktualität momentan viel gestritten wird. Ich sage: Nicht vom Lehrplan nehmen!

Das Stück "Faust 1.0" gibt es noch am 10., 11., 17. und 18.April jeweils um 20:30 Uhr im Raketenclub zu sehen.



1 Kommentar:

marga hat gesagt…

"Raus aus dem Intellektualismus!"
Fast komisch: grade das möchte ich immer rufen, wenn ich einen Faust in Ski-Hosen sehe.

Diese Tasse Kaffee vom 10.April, die würde mir jetzt über jeden Theaterschmerz hinweg helfen.

Beste Grüße!